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Kreativwettbewerbe

Über Tofu, Steaks und potemkinsche Preisträger

Aktuell geht im Netz wieder eine vermeintliche Anzeige des Steakhauses Maredo um: "Tofu ist schwules Fleisch" steht dort, eingebrannt auf ein Fleischstück. Auch der grüne MdB Volker Beck postet in seinem Facebook Profil "Gar nicht witzig!" und lädt zur Diskussion ein. Der ein oder andere Kommantar sieht diese doppelte Diskriminierung von Vegetariern und Schwulen gelassen. Die Mehrheit regt sich aber auf. Zurecht: Die deutlich höheren Selbsttötungsraten unter homosexuellen Jugendlichen deuten darauf hin, das auch heute noch kein Spassthema ist. Allerdings wurde die Anzeige nie geschaltet. Also viel Lärm um nichts?

 
Screenfoto: Blog mit Plakat "Tofu ist schwules Fleisch"

Aus dem Internet nicht wegzubekommen: Das Preisträger-Motiv in einem Blog

 

Maredo scheint aufgrund dieses Motivs bereits wiederholt Ziel von Shitstorm-Wellen zu sein. Deshalb haben haben sich die Steakbrater auf ihrer Webseite auch deutlich von dem Motiv distanziert: Nie geschaltet, angeblich vor der Veröffentlichung im Internet nicht gekannt, überhaupt wurde die Kampagne gar nicht beauftragt und man frage sich, wie das dennoch immer wieder im Internet auftauchen könne.

Das Interessante an dieser Erklärung ist aber, warum dieses Plakat überhaupt existiert: Die Agentur (Scholz&Friends) benötigte offenbar einen preisverdächtigen Beitrag für einen Kreativwettbewerb und trat zu diesem Zweck an Maredo heran. Ziel war dabei weder gewesen, dass der vermeintliche Auftraggeber diese Kreation beauftragt, geschweige denn die Anzeige schaltet. Eine leider bekannte Praxis, die viel über das Eigenmarketing von preisgekrönten Agenturen verrät. Bisher kamen allerdings eher Non-Profit-Organisationen auf diese Weise in den Genuss kreativer Höchtsleistungen, inzwischen scheint die Praxis auch bei Unternehmen üblich, die diese Leistungen durchaus aus ihrem Marketingetat bezahlen könnten.

Der Beitrag hat vom ADC tatsächlich einen silbernen Nagel bekommen, die zweithöchste Auszeichnung für Werbekreationen. Und ganz offenbar auch (oder sogar gerade) für das Motiv "Tofu ist schwules Fleisch", wie erste Meldungen suggerieren. Natürlich war das Motiv spätestens damit in der Welt, genauer gesagt im Internet - und dort ist es bekannterweise auch nicht mehr wegzubekommen.

Dem Steakhaus ist in dieser Sache vielleicht nicht mehr vorzuwerfen, als der naive Glaube, ein Kreativwettbewerb stelle noch keine Veröffentlichung dar. Was aber ist eigentlich von Juroren zu halten, die Provokation auf Kosten Dritter für eine gelungene Form halten, Aufmerksamkeit zu erzeugen? Und überhaupt von Wettbewerben, bei denen Kreativität bewertet wird, die nie der Realität begegnen muss - der Realität in Form eines Kunden, der für Gestaltung und Schaltung der Motive Geld ausgeben soll?

Die hilflosen Versuche von Agentur und Steakhouse, das Motiv im Internet wieder einzusammeln und durch das etwas weniger aggressive Motiv "Wenn man Tiere nicht essen soll, warum sind sie dann aus Fleisch? zu ersetzen, zeigen zumindest eines: Mit ihrem Ruf haftet eine Organisation in den Zeiten des Internet auch dann, wenn die Motive weder bezahlt noch geschaltet wurden. Für künftige Wettbewerbe ist das hoffentlich eine gute Entwicklung.

 

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