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Bundestagswahlen 2013

Adbusting im Wahlkampf: Warum tun die das?

Bild eines veränderten Wahlkampsplakates

© www.urbanshit.de

Wer sich dieser Tage mit offenen Augen durch die Republik bewegt, stellt fest: Immer mehr Wahlplakate werden von ihren eigenen Adressaten nachbearbeitet. Die Parteien kommen mit dem Nachkleben offenbar nicht hinterher. Oft hängen die mit Stift, Schere, Sprühdose oder selbst gedruckten Flicken verfälschten Werbebotschaften über Tage.

Das ist keineswegs ein neues Phänomen. Adbusting, also die gezielte Verfremdung von Werbung, ist fast so alt wie Werbung selbst. Abgesehen von rein vandalistischen Spielarten war die Technik lange Zeit eine Domäne politischer Künstlerkollektive wie der Billboard Liberation Front (http://www.billboardliberation.com) in den USA, der Adbusters Media Foundation (https://www.adbusters.org/) in Kanada oder den Deboulonneurs (http://www.deboulonneurs.org/) in Frankreich. Adbusting war eine Form der Kritik am Unternehmen, am Produkt, an Werbung als Vereinnahmung oder Verschmutzung des öffentlichen Raums oder auch an der Konsumgesellschaft und dem Kapitalismus insgesamt.

Über die politischen Ziele der „Adbusters“ in diesem Wahlkampf lässt sich nur spekulieren, da sie nicht als Organisationen auftreten und sich über den Akt hinaus nicht erklären. Die Leipziger Forschungsgruppe Soziales hat Anfang des Jahres eine explorative Studie über Art und Umfang der Verfremdung der Plakate zur Oberbürgermeisterwahl 2013 in Leipzig erstellt. Mit Erklärungen zur Motivation der „Täter“ halten sich die Autorinnen und Autoren zurück und rufen zu weiterer Forschung auf.

Es darf also weiter spekuliert werden: Was treibt jemanden an, den SPD Slogan „Das WIR entscheidet“, in „das WIRR entscheidet“ zu verwandeln, aus der CDU-Zeile „Gemeinsam erfolgreich“ „einsam reich“ zu machen oder das Bild von Christian Ströbele gegen eins von Juppi Hesters kurz vor seinem Ableben auszutauschen?
Naheliegend wäre es, Adbusting als Aufbegehren gegen die zunehmende Inhaltslosigkeit der Wahlkampagnen zu verstehen. Auf Anraten von Werbeagenturen dampfen die Parteien ihre Programmpunkte oft bis zur Unkenntlichkeit auf politisch belang- und gehaltlose Wohlfühlformeln ein. Adbuster nutzen die entstehende Leerfläche für ihre Kritik.

Vielleicht ist der gemeinsame Nenner des Adbustings in diesem Wahlkampf aber auch der Protest gegen ein altes Kommunikationsmuster: Die Verlautbarung. Mit den sozialen Medien ist der Anspruch gewachsen, alles kommentieren zu können. Als zusätzlicher Ansporn dürften die Zweitverwertung der umgestalteten Plakate in einschlägigen Blogs wie urbanshit (http://urbanshit.de/?p=12047) sein. Wer heute politische Kommunikation betreibt, ist zum Dialog verdammt. Aber wie lässt sich das Prinzip auf klassische Plakatkampagnen übertragen?
Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Solange so wenig über die Motivlage der Adbuster bekannt ist, könnte man es erst einmal mit mehr Inhalt pro Plakat versuchen. Eine andere Lösung wäre: Mehr Online-Kommunikation, weniger Plakate. Am wenigsten ratsam ist es, vorsorglich alle Plakate in fünf Meter Höhe an Laternenmasten und damit außerhalb von Reichweite und Sichtfeld der Passanten aufzuhängen.

 

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